Vorwort
Der vorliegende Bericht beschäftigt sich mit meinem Auslandsaufenthalt in Wien, Österreich, im Rahmen des Erasmusprogramms. Er werden ausgewählte Aspekte behandelt, die in einem grob chronologischen Rahmen angeordnet sind: Es wird die Vorbereitungszeit vor der Abreise ins Ausland betrachtet, der Beginn des Aufenthaltes und die damit verbundenen wichtigen Informationen; danach folgen zentrale Themen, die während des gesamten Aufenthaltes wichtig sind: Informationen über die Hochschule, über die Erasmusbetreuung im Ausland, über einige praktische Bereiche, wir Unterkunft und öffentlicher Verkehr, aber natürlich auch über die Stadt Wien, denn das wird einer der Punkte sein, die zukünftige Erasmusstudenten sehr interessiert. Der Bericht schließt dann mit einigen Absätzen über die Endphase des Aufenthaltes ab und beschreibt, was zu dieser Zeit beachtet werden muss, skizziert das Vorgehen nach der Rückkehr und gibt zu guter Letzt noch ein Fazit, in dem all das unterkommen soll, das im Bericht nirgends Platz gefunden hat.
Der Bericht will nicht nur informieren, sondern versucht auch, eigene Erfahrungen zu vermitteln und Gefühle und Konsequenzen, die damit verbunden sind, darzustellen. Ich habe außerdem persönliche Tipps und Hinweise, die mir bei der Organisation geholfen hätten, mitaufgenommen. Die kann man sich also als zukünftiger Wien-Erasmusstudent besonders zu Herzen nehmen.
Vorbereitung
Die Vorbereitung des Auslandsaufenthaltes beginnt genaugenommen mit der Entscheidung dafür oder dagegen. Mir ist diese Entscheidung nicht leicht gefallen, da es mich bislang nicht für so lange Zeit ganz allein in die Ferne zog. Außerdem stehe ich dem Wahn der heutigen „Kinderlandverschickung“ etwas skeptisch gegenüber. Dennoch entschied ich mich dafür, einerseits deswegen, um dem Phanämomen „Auslandsaufenthalt“ die Chance zu geben, mir seine Wertigkeit zu zeigen, andererseits, um mir selbst zu beweisen, dass ich „es“ kann. „Es“ umfasst dabei das anfängliche Alleinsein, die Kommunikation in fremden Sprachen, die interkulturelle Kompetenzerweiterung.
Die zweite Entscheidung ist die, welche die Wahl des Ziellandes und der Zielstadt betrifft. Für mich gab es Anfangs mehrere Möglichkeiten, die infrage kamen. Schweden hätte oberste Priorität haben sollen, Spanien vielleicht auch, da ich so die einzigartige Chance hätte nutzen können, eine meiner bislang gelernten Fremdsprachen zu vervollständigen und zu festigen. Die Beratung durch das International Office und durch meine Erasmuskoordinatorin nahm ich nur sehr spärlich in Anspruch, vor allem deshalb, weil ich mir durchaus vorstellen könnte, dass mir das International Office dazu rät, in ein fremdsprachiges Land zu gehen. Aber ich bin in der Lage mich in vier Fremdsprachen zu verständigen, eine davon sehr gut, zwei sind alltagstauglich. Die Notwendigkeit der Spracherfahrung wollte sich also nicht recht einstellen.Schlussendlich überwogen jedoch private Beweggründe und nicht zuletzt trug die Nähe Budapests zu Wien einen entscheidenen Anteil dazu bei, dass ich schließlich Wien an die Spitze meiner Top 3 Zieluniversitätenwünsche stellte.
Der nächste Schritt ist das Verfassen der Bewerbung. Dazu gehört ein Lebenslauf, ein Fragebogen, den man ausfüllen muss, und ein Motivationsschreiben, in dem man angibt, warum man ein Auslandsemester machen will und warum in der Stadt, die man angegeben hat.
Die Benachrichtigung darüber, dass ich für das Programm angenommen worden bin, erreichte mich recht unspektakulär per E-Mail, und nach anfänglicher Skepsis wuchs dann die Freude nach und nach.
Ein zentraler Teil der Vorbereitung sind die Erasmusformalitäten. Dazu gehören im Vorfeld die Annahmeerklärung, das Learning Agreement und das Certificate of Erasmus Grant. Wie die Abgabefristen sind, was zu beachten ist und alles andere wird auf der großen Informationsveranstaltung für alle Bremer Outgoings ausreichend erklärt. Wichtig ist einfach: Rechtzeitig abgeben. Das Certificate of Erasmus Grant und das Learning Agreement muss man per Post nach Deutschland schicken, nachdem man es im Ausland unterschreiben lassen hat. Etwas knifflig ist das Learning Agreement. Ich habe tapfer das Agreement ausgefüllt und mit 32 Credit Points bestückt. Dann musste die Reihenfolge des Unterschreibens eingehalten werden: ZUERST die Erasmuskoordinatorin, und DANN der Zuständige im International Office. Genaugenommen ist die Reihenfolge zumindest bei den Psychologen fast egal, da die Erasmuskoordinatorin nunmal nicht aus dem Studiengang Psychologie kommt und inhaltlich nichts zum Agreement sagen kann, und das International Office die Zahl der Creditpoints auch selber prüfen kann. Aber es gibt nun einmal bürokratische Regeln, die eingehalten werden müssen. Schwieriger ist es beim Agreement, dass es inhaltlich sinnvoll ist, das heißt, dass Veranstaltungen eingetragen werden sollten, die möglichst auch anerkennbar und schaffbar sind.
Hier ist zu bemerken, dass das Vorlesungsverzeichnis der Universität Wien erst recht spät online einsichtig war, nämlich erst gegen Mitte/Ende August. Bei einer Abreise Mitte September – die Veranstaltungen beginnen in der ersten Oktoberwoche – kann die Planung des Stundenplans da schon etwas hektisch ausfallen. Denn es ist sicher ratsam, im Vorhinein mit den entsprechenden Fachdozenten in Bremen abzuklären, ob Wiener Veranstaltungen überhaupt anerkannt werden können. In Klinischer Psychologie ist das beispielsweise kein Problem, in E&F allerdings scheint das sehr problematisch zu sein. Hier ist mein Tipp einfach der: früh genug die Dozenten kontaktieren. Eventuell kann man auch in den Wiener Verzeichnissen des Vorjahres ähnliche Veranstaltungen finden. Außerdem ist es wichtig, mit den Wiener Dozenten abzuklären, was die Veranstaltungsinhalte sind, und ob man als Erasmusstudent mitmachen kann. Meistens geht das ohne Probleme, man muss den meisten Veranstaltern einfach eine E-Mail schicken, mit der man sich dann pro forma anmeldet. Allerdings ist im Vorlesungsverzeichnis manchmal nicht ganz ersichtlich, was genau eigentlich an Leistungen verlangt wird. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass eine „Zettelarbeit“ ein anderer Begriff für „Klausur“ ist. Deshalb: bei Unklarheiten bezüglich der Veranstaltungen immer bei den Dozenten nachfragen!
Dann bleiben natürlich noch nicht-universitäte Dinge die vorbereitet werden wollen: Bezüglich der Wohnfrage möchte ich mich einfach mal als Spezialistin bezeichnen. Ich bin während des einsemestrigen Aufenthaltes zweimal umgezogen. Der erste Umzug war geplant, der zweite eher eine Verzweiflungstat, die aber dann das Semester rettete (Dazu mehr in Kapitel 6). Es gibt verschiedene Möglichkeiten, sich im Vorfeld des Aufenthaltes um eine Unterkunft zu kümmern: Man kann nach Wien fahren und ein WG-Zimmer suchen. Man kann bei vielen Wohnheimen direkt Bewerbungen abgeben. Man kann aber auch über den Österreichischen Austauschdienst ÖAD an ein Wohnheimzimmer kommen. Diese Möglichkeit scheinen die meisten Austauschstudenten zu wählen. Dabei füllt man im Vorfeld ein Reservierungsformular aus, überweist 550,- EUR Reservierungskaution, und hofft, dass man ein (ansprechendes) Zimmer zugewiesen bekommt (Genaueres wiederum in Kapitel 6). Mein Tipp: Sehr früh um eine Unterkunft kümmern. Zumindest beim ÖAD gilt: Wer zuerst kommt, wohnt zuerst. Wenn man eine günstige, aber trotzdem nette Bleibe haben will, dann ist Eile gefragt. Ich hab mich erst im Juli um einen Platz beworben, ich würde aber allen nachfolgenden Erasmen empfehlen, direkt nach der Zusage über die Programmteilnahme schoneinmal zu schauen, wo und wie ihr wohnen wollt und dann auch fix eine Bewerbung/Reservierung vorzunehmen.
Ansonsten muss man den persönlichen „Kleinkram“ beachten: Wohnung untervermieten, Zeitungsabos kündigen, Handyverträge aussetzen oder kündigen, Kreditkarte besorgen etc).
Beginn
Der Beginn des Auslandsaufenthaltes ist für mich schon die Anreise gewesen. Ich empfehle allen, nach Wien mit dem Zug anzureisen. Erstens erlebt man dann, wie weit man eigentlich weg ist, da man die Entfernung im Zug wesentliche besser abschätzen kann, als im Flugzeug. Zweitens fährt ein Nachtzug von Hannover bzw. Hamburg nach Wien, man kommt also entspannt und eventuell sogar ausgeschlafen in Wien an. Und drittens gibt es sehr günstige Sparpreistickets ab 29,- EUR, mit denen man günstig die Anreise erledigen kann.
Diese Variante habe ich gewählt und gemeinsam mit zwei Kommilitoninnen die insgesamt etwa zwölfstündige Reise angetreten. Von Bremen nach Hannover, von Hannover nach Wien-Westbahnhof, jede von uns mit drei Gepäckstücken. In Wien am Westbahnhof gibt es die Möglichkeit, sein Gepäck einzuschließen. Für Leute, die wirklich viel dabei haben und schwere Lasten zu schleppen haben, ist das keine schlechte Idee, vor allem dann nicht, wenn vor dem Bezug der Unterkunft noch ein paar Umwege gemacht werden müssen.
In unserem Fall war das so, wir schlossen aber nur eins von insgesamt neun Gepäckstücken in die Gepäckaufbewahrung ein. Der Weg zum ÖAD-Büro erwies sich dann als knifflig, weil viele Straßenbahnen in Wien KEINE Niederflurfahrzeuge sind. Das bedeutet, dass man zwei Stufen hochsteigen muss und das ist mit bleischwerem Gepäck keine leichte Übung.
Wir alle drei hatten Zimmer über den ÖAD bekommen und mussten daher zuerst in das ÖAD-Büro gehen, das am Uni-Campus ist (Tipp: Vom Westbahnhof aus – wo man sich natürlich vorher ein Nachverkehrticket kaufen muss – mit Straßenbahnlinie 5 in Richtung Praterstern fahren und an der Haltestelle „Lange Gasse“ aussteigen). Beim ÖAD unterzeichneten wir die Nutzungsübereinkommen und bekamen unsere Schlüssel für die Zimmer und waren damit wohnbereit.
Es empfiehlt sich, bei der „Wienerlinien“-Vorverkaufsstelle im Westbahnhof einen Stadtplan der Wiener Linien zu kaufen. Die Wiener Linien ist das Äquivalent zur Bremer BSAG und der besagte Plan ist ein sehr brauchbarer Stadtplan, auf dem ALLE U-Bahn-, Straßenbahn-, S-Bahn-, und Buslinien eingezeichnet sind. Das kann sehr hilfreich sein. Der Plan kostet etwa 2,- EUR, ist aber auch besser als der gratis Plan, der in allen Touristeninfozentren ausliegt.
Den ersten „Amtsgang“, den man macht, sollte man am besten in das International Office bzw. ins Mobilitätsbüro, wie es dort heißt, machen, da man dort alle wichtigen Informationen bekommt, wie man weiter verfährt. Hier werden auch ziemlich alle Formulare, die man unterschrieben haben muss, unterzeichnet (Beim Learning Agreement ist das Glückssache, denn EIGENTLICH muss ja erst der Erasmusbeauftrage unterzeichnen). Man bekommt seine Semesterunterlagen, Infobroschüren, einen Termin für die Erasmus-Orientation-Veranstaltung und den ersten Zahlschein für einen geringe Verwaltungsgebühr (ca. 15,- EUR), die man entrichten muss. Mit diesem Zahlschein geht man zur Post und kann dort die 15,- EUR bar einzahlen. Die Entrichtung der Verwaltungsgebühr ist Voraussetzung dafür, dass man den Studentenausweis ausgehändigt bekommt. Und den bekommt man auf der
Erasmus-Orientation-Veranstaltung. Hier werden alle Universitätsrelevanten Informationen geklärt. Es werden die Online-Portale vorgestellt, auf denen man seine Noten sehen kann, es wird das Vorlesungsverzeichnis erklärt. Hieran sieht man, dass scheinbar die einzelnen Mobilitätsböros, die europaweit verstreut sind, etwas chaotisch organisiert sind. Ist es etwa nicht überall gleich, dass man im Vorfeld ein Learning Agreement ausfüllt und dazu das Vorlesungsverzeichnis bereits zu Rate ziehen muss? Es wird außerdem gezeigt, wie man seinen Uni-internen E-Mailaccount benutzt und hier sei gesagt, das die meisten unirelevanten Mails, die offiziell sind (also mit Anmeldungen, Abmeldungen, Rückmeldungen, Bestätigungen… zu tun haben), über diese (die sogenannte u:net-Adresse) gehen.
Und es wird zum Xten Mal gesagt, dass man zum magistratischen Bezirksamt gehen muss, um sich anzumelden. Man bekommt auch einen Zettel (den man wahrscheinlich bereits in 5-facher Ausführung besitzt), auf dessen Rückseite alle magistratischen Bezirksämter aufgelistet sind. Man kann sich aussuchen, zu welchem man hingeht. Die Unterlagen, die man dorthin mitnehmen muss, sind der Personalausweis und ein ausgefüllter Meldezettel, auf dem der Unterkunftgeber unterschrieben hat. Das kann ein privater Vermieter sein, aber auch öffentliche Gesellschaften, wie der ÖAD. Dort bekommt man z.B. gleich wenn man den Schlüssel abholt einen ausgefüllten Meldezettel mitgegeben.
Da man als EU-Bürger, der für mehr als 3 Monate in Österreich lebt, als Einwanderer gilt, muss man innerhalb von 3 Monaten nach der Erstmeldung zum Magistrat 35 – Einwanderung gehen, und dort eine Anmeldebescheinigung zu erhalten. Diese kostet ca. 30,- EUR. Mein Tipp: Man muss das sowieso machen, es nützt nichts, diese Erledigung hinauszuzögern. Wenn man es kurz vor Ablauf der dreimonatigen Frist macht, ist das Amt rappelvoll und man wartet stundenlang. Wichtig ist, dass ihr auch bestimmte Unterlagen mit dorthin nehmen müsst. Die sind alle auf einem Zettel aufgelistet, den ihr bei der Erasmus-Orientation bekommt und man hat die auch zu dem Zeitpunkt alle beisammen. Was man aber unter Umständen nicht hat, ist eine Bestätigung finanzieller Mittel. Diese kann in Form von Bafög-Bescheinigungen, Stipendienbescheinigungen, Kontoauszügen, aus denen ein regelmäßiges Einkommen hervorgeht etc. vorliegen. Man muss dabei eine bestimmte Summe nachweisen. Der Wortlaut ist folgender: „Für Studierende unter 24 Jahre: 412,54 pro Monat [...] Zuzüglich der Kosten für die Unterkunft, die 239,15 Euro/Monat überschreiten“. Wieviel das jetzt genau ist, hab ich bis heute nicht verstanden. Jedenfalls scheint eine gute Variante für all die Personen, die kein Bafög empfangen, die zu sein, sich von den Eltern im Vorfeld eine Bescheinigung geben zu lassen, in der bestätigt wird, dass man pro Monat 600,- EUR überwiesen bekommt (egal ob das stimmt oder nicht) und dazu noch eine Bestätigung darüber vorzulegen, dass man am Erasmusstipendium teilnimmt. Schön wäre, wenn man schon wüsste, wie hoch das Stipendium ist. Aber „meinem“ Sachbearbeiter genügte der Nachweis der überwiesenen ersten Rate, wozu ich bemerkte, dass die zweite, dritte, … Rate ebensohoch sein würden. Sonst hieße es ja nicht Rate. Das reichte ihm.
Dies sind im Ganzen die wichtigsten Dinge, die erledigt werden müssen. Alles andere sind eher persönliche Dinge. Zwei Tipps von mir noch dazu: Stichwort Konto: Ich habe kein österreichisches Konto eröffnet, sondern mir bereits im Vorfeld in Deutschland ein deutsches, für Studenten kostenfreies Girokonto eröffnet, zu dem ich eine VISA-Karte beantragen konnte, die für mich aufgrund meine Studentenstatus ebenfalls Gebührenfrei ist. So konnte ich im Auslang bequem kostenfrei Geld abheben, Auslandüberweisungen waren auch kein Problem, weil man die internationalen Bankdaten immer erfragen kann. Vorteile der Eröffnung eines österreichischen Kontos sind, dass man häufig kleine Geschenke dazubekommt, wie zum Beispiel Kinogutscheine. Stichwort Handy: Meinen deutschen Handyvetrag habe ich für die Dauer meines Auslandsaufenthaltes ausgesetzt. Gegen eine mehr oder weniger geringe Gebühr kann man das auf Nachfrage bei den meisten Anbietern machen. Das vermeidet unkontrollierte Ausgaben, weil Roamingkosten nunmal sehr teuer sind. Stattdessen habe ich in Österreich einen T-Mobile-Prepaid-Tarif gewählt („Klax“), bei dem eine SMS (in alle, auch internationale Netze) 10 cent kostet, und ein netzinternes Telefonat oder ein Telefonat ins österreichische Festnetz ebenfalls nur 10 cent (unabhängig von der Dauer) kostet. Da aber Österreich das Land der günstigen Mobiltelefonie zu sein scheint, sollte man sich besser informieren. Dieser Klax-Tarif ist den Erasmusstudenten auf verschiedenen Veranstaltungen abgeboten worden. Aber es gibt viel günstigere Vertragstarife, die auch noch flexibel sind, beispielsweise von Telering. Da sich solche Tarifangebote aber oft und schnell ändern, kann ich keine einzelnen empfehlen, sondern nur sagen, dass man sich auf jeden Fall ein bisschen umschauen sollte, weil man wirklich günstige Varianten finden kann.
Die Universität Wien
Zur Universität Wien ist zu sagen, dass sie dort nur eine von vielen ist. Es gibt noch viele andere, zum Beispiel die Medizinische Universität, die BOKU (Universität für Bodenkultur), die Wirtschaftsuni und so weiter. Deswegen sollte man, falls man beispielweise wenn man nach dem Weg fragt, nicht nach dem Weg zur Uni, sondern nach dem Weg zur Hauptuni fragen. Die Psychologen gehören nämlich zur ganz normalen Universität Wien.
Es werden von den Universitäten, so wie in Bremen auch, zahlreiche Sportangebote gemacht, die man gegen ein Entgelt nutzen kann. Es gibt dafür einen Termin, bei dem man sich persönlich anmelden muss. Dazu gibt es Informationen im Internet. Die Universität Wien bietet außerdem ein breit gefächertes Studienangebot. Wen also auch Dinge wie Ethnologie, Japanologie oder Virologie interessieren, kann einfach mal in fremde Vorlesungen hineinhören.
Einen Punkt, den ich gleich am Anfang ansprechen will ist das …/Innen-Problem. Die Wiener Uni scheint ein Problem mit der Vergangenheitsbewältigung zu haben. Sehr lange war der Besuch der Universität ausschließlich Männern vorbehalten gewesen, auch unter den Lehrenden gab es erst bedeutend spät, viel später als an anderen Universitäten, auch Frauen. Professorenstellen wurden noch viel später mit Frauen besetzt. Diese Tatsache führt dazu, dass nahezu alle Substantive und vor allem deren Plural in der männlichen und weiblichen Form genannt werden – und das auch in Referaten und von den Studenten. Ich finde es müßig, sogar von „Alumni und Alumnae“ zu sprechen und von der „ChefInnenetage“. Manche Dozenten wollen das und es kam dadurch nicht selten zu äußerst amüsanten Diskussionen in den Veransaltungen, in denen die Unterschieden zwischen Deutschland und Österreich aufgedeckt wurden.
Der universitäre Alltag in Wien unterscheidet sich im Prinzip nicht sonderlich von Bremen. Allerding ist die Universität Wien eine Massenuni. Das bedeutet, dass wirklich Massen von Studenten in und zwischen den Gebäuden umherflitzen. Wer zwischen den Veranstaltungen Hunger bekommt, sollte meiner Meinung nach die Mensa eher meiden. Denn man bekommt für etwas das gleiche Geld z.B. im Café Votiv oder im Café Einstein einen sehr leckeren und üppigen Mittagstisch. Die Atmosphäre dort ist auch netter als in der Mensa.
Die Gebäude, die ich ansprach, sind teilweise sehr weit auseinander gelegen, die Psychologen haben Glück und die vier relevanten Gebäude sind in zu Fuß gut erreichbaren Lagen gelegen. Für Psychologie besonders wichtig sind:
Das Hauptgebäude. Dieses ist das beeindruckende, im Renaissance-Stil gebaute Gebäude, das am Schottentor liegt. Das ist eine Haltestelle, die mit der U-Bahn U2 und einer Unmenge an Straßenbahnen prima erreicht werden kann. Im Hauptgebäude ist das Mobilitätsbüro, die Universitätsbibliothek, das Audimax und dort finden die ein oder andere Veranstaltung der Psychologen statt. Tipp: Es gibt regelmäßig kostenlose Führungen durch das Hauptgebäude. Die Führungen sind vor allem historisch angehaucht und sehr interessant. Zur Bibliothek sind ein paar Worte zu sagen: Mit dem Studentenausweis kann man an den Entlehnschalter (=Entleihschalter) gehen und sich dort einen kleinen Strichcode auf den Ausweis kleben lassen. Das ist dann der Bibliotheksausweis, mit dem man dann Bücher ausleihen kann. Die Ausleihe ist jedoch ziemlich doof geregelt, denn es gibt fast ausschließlich Magazinbestände. Das bedeutet, dass wenn man ein Buch benötigt, man im Normalfall zuerst online recherchiert und dann online das Buch bestellt und dann das Buch in der Bibliothek abholt. Ich fand das störend, da man nicht einfach mal ein bisschen in den Büchern querlesen kann. Es gibt zwar im Lesesaal auch einen Freihandbestand, aber dabei handelt es sich vor allem um allgemeine Nachschlagewerke. Der Lesesaal ist ansonsten eine sehr schöne Angelegenheit. Dort ist es still und an langen Holztischen kann man beim Licht einer antik scheinenden Leselampe in Ruhe arbeiten. In Prüfungszeiten (Januar und Juni) ist der Lesesaal allerdings rappelvoll und man sollte dann schon um 9 Uhr, also dann, wenn der Saal öffnet, dort sein, wenn man einen Platz ergattern will.
Das NIG (=Neues Insitutsgebäude). Der Name führt etwas irre, denn dieses Gebäude ist bereits in den siebziger Jahren erbaut worden und demnach nicht mehr sonderlich neu. Von außen sieht es sehr schick aus, von innen jedoch eher alt und verbraucht. Das NIG ist zu erreichen zu Fuß vom Schottentor aus, oder mit den Straßenbahnen 43 und 44, Haltestelle Landesgerichtsstraße. Im NIG sind die Institute für Wirtschaftspsychologie und Bildungspsychologie untergbracht. Überhaupt finden im NIG sehr viele Psychologieveranstaltungen statt und zwar fast aussschließlich ich 6. Stock. Im NIG befinden sich außerdem die Mensa (die bei weitem nicht so gut ist wie die Bremer Mensa, und dafür etwas teuer, in der außerdem in manchen Bereichen geraucht werden darf), ein Shop für gebrauchte Bücher, wo man wirklich tolle Schnäppchen machen kann, zahlreiche Computerräume, in denen man auch vom USB-Stick drucken kann oder E-Mails checken oder was sonst noch anfällt. Meistens sind alle Plätze besetzt, die Fluktuation ist aber recht groß, es lohnt sich also zu warten. Außerdem gibt es im NIG facultas. Das ist eine Buchhandlung und gleichzeitig ein Verlag, der sich auf den Buchverkauf und die Herausgabe von studienrelevanten Werken spezialisiert hat. Es gibt mehrere noch konkreter spezialisierte Filialen, z.B. das Medizinerfacultas in der Berggasse, das Sprachfacultas am Campus und eben das facultas im NIG, das sich auf Humanwissenschaften und Geisteswissenschaften spezialisiert hat. Dort gibt es auch alle wichtigen Bücher und Skripte für Psychologen. Dickes Minus des NIG: Überall kleben Rauchverbotsschilder. Im Treppenhaus, das sich über 7 Stockwerke erstreckt, wird allerdings trotzdem kräftig gequalmt. Und: Es gibt nur einen einzigen Fahrstuhl von Belang, der nicht viele Leute transportieren kann und auf dem Weg nach unten auch scheinbar nirgends seine Tür öffnet. In Stoßzeiten müssen also eventuell auch mal zahlreiche Stufen nach oben genommen werden.
Der Uni-Campus. Dies ist ein Gebäudekomplex, der eigentlich das alte AKH (=Allgemeines Krankenhaus) darstellt. Das Krankenhaus ist vor vielen Jahren umgezogen und seitdem werden die Räumlichkeiten für die Uni genutzt. Erreichbar mit Linie 5, 33 und 34, Lange Gasse.
Das Psychologicum. Dies ist ein ebenfalls schickes altes großes Haus und darin sind der Großteil der Büros der Profs und Dozenten der Psychologie beherbergt. Außerdem finden dort viele Veranstaltungen statt. Im Psychologicum ist außerdem auch das Studien Service Center Psychologie zu finden, in dem die Studienprogrammleitung Psychologie sitzt. Diese fungiert auch als dortige Erasmuskoordination. Leider habe ich sie nicht so hilfreich empfunden und mir wurden scheinbar eher Wege versperrt als freigeräumt. Das Psychologicum liegt direkt hinter dem NIG.
Damit wären alle für die Psychologiestudenten relevanten Örtlichkeiten genannt. Natürlich kann es sein, dass die ein oder andere Veranstaltung auch woanders stattfindet, aber das ist eher die Ausnahme.
Bleiben wir bei der Psychologie. An dieser Stelle möchte ich ein paar Worte über die Organisation des Studiums in Wien sagen und danach ein paar Veranstaltungstipps geben.
Das Studium gliedert sich in Wien, ähnlich wie bei uns auch in zwei Abschnitte: Den ersten Abschnitt und den zweiten Abschnitt. Dazwischen gibt es jedoch nicht so eine einschneidende Grenze, wie bei uns das Vordiplom. Die Fächer im ersten Abschnitte stimmen im großen und ganzen mit den Fächern unseres Grundstudiums überein. In Wien müssen die Studenten dabei in der Regel ein Proseminar, ein weiterführendes Seminar und zwei Vorlesungsprüfungen pro Fach absolvieren. Dabei steht der Konsum von Unmengen an Lernstoff meistens im Vordergrund, der aber von vielen Studenten nach eigenen Angaben sehr schnell wieder vergessen wird.
Der zweite Abschnitt hat als zentrale Fächer die Klinische Psychologie (zwei Vorlesungen, Basisfertigkeiten), die Wirtschaftspsychologie (zwei Vorlesungen, Demonstrationen zur Wirtschaftspsychologie), die Bildungspsychologie (zwei Vorlesungen, Proseminare und Seminare), die Diagnostik (zwei Vorlesungen, zweisemestrige Übung, Praktikum zum Diagnostizieren) und die Wahlfächer. Dazu gehören z.B. die angewandte Sozialpsychologie (die Rechtspsychologie, Kulturpsychologie und Religionspsychologie einschließt), die angewandte Kinder- und Jugenpsychologie und weitere. Alle diese Fächer sind Pflicht, das heißt, dass jeder Wiener Student Wirtschaftspsychologie, Klinische Psychologie und Bildungspsychologie macht und sich aus den Wahlfächern soweit ich weiß zwei aussucht. Insgesamt ist das Studium allerdings weitaus unflexibler als in Bremen. Der zweite Abschnitt in Wien sieht auch kein Halbjahrespraktikum vor; es gibt lediglich das obligatorische 6-Wochen-Praktikum im ersten Abschnitt. Dafür gibt es viele Praxisanteile in den Veranstaltungen und meistens ist es kein Referatemarathon.
An dieser Stelle möchte ich noch kurz ein paar Worte zu einigen Veranstaltungen sagen.
Übungen zur Psychologischen Diagnostik. Ich bin in Herr Prof. Klaus Kubingers (er hielt auch die Vorlesung) Veranstaltung gegangen, da er mit von Herr Prof. Petermann empfohlen wurde. In dieser Übung hätte ich meinen Leistungsnachweis für Diagnostik und Intervention machen können. Allerdings waren die Anforderungen sehr hoch. Meine Aufgabe wäre es gewesen, zwei Fallgutachten zu verfassen, in denen jeweils zwei Psychologische Tests zur Anwendung kommen sollten. Genaugenommen schaffbar, allerdings muss man möglichst authentische Personen als Probanden finden, was für mich als Erasmusstudentin nicht einfach war. Daher habe ich diese Übung nicht gemacht.
Anwendungsfelder der Sozialpsychologie: Rechtspsychologie. Dieses Seminar hielt ein Lehrbeauftragter aus Gießen, der sehr kompetent, aber auch sehr anspruchsvoll wirkte. In der ersten Stunde wurden die Referaten verteilt, die dann am allerletzten Semesterwochende (also 30.1. und 31.1.09) gehalten werden sollten. Da sich jedoch die Pflichtliteratur zu meinem (und wohl auch anderen) Referaten als kaum auffindbar erwies – weder in den Bibliotheken von Wien, noch in Bremen, Hannover und Hamburg – beschloss ich, das Seminar nicht zu machen.
Vorlesung Klinische Psychologie I. In dieser Vorlesung wurde am Ende eine Klausur über den Vorlesungsstoff geschrieben. Den Vorlesungsstoff kann man kaufen, in Form eines Skripts. Wenn man dieses auswendiglerne, so hieß es, dann bestünde man die Klausur ganz sicher. Um sie gut zu bestehen, musste man allerding noch ein bisschen „zusätzlichen Stoff“ aus der Vorlesung kennen (wozu man in der Vorlesung gewesen sein musste) und den Stoff aus dem sogenannten Tutorium kennen. Das Tutorium fand etwa alle zwei Wochen statt in Form von einem 10-minütigen drittklassigen Vortrag einer Diplomandin. Da die Folien erstens im Prinzip nur vorgelesen wurden und zweitens sowieso im Internet hochgeladen wurden, hörte meistens keiner zu. Außerdem erwies sich der Inhalt der Folien manchmal nahezu identisch mit Einträgen auf Wikipedia. Der Rest der Vorlesung, also die eigentliche Vorlesung war hingegen okay. Leider etwas oberflächlich und äußerst unkritisch, dafür aber meistens simpel wurden einige Aspekt der Klinischen Psychologie vermittelt – nein, keine Störungsbilder, das ist Stoff der Vorlesung II – die dann in der Klausur abgefragt wurden. Wenn man in Bremen im Grundstudium aufgepasst hat und Prüfungen bei den richtigen Prüfern hatte, wusste man die Hälfte des Stoffs schon ein bisschen und konnte ganz locker die Klausur schreiben, nachdem man einfach das Skript auswendig gelernt hat.
Demonstrationen zur Wirtschaftspsychologie. Diese Übung mit 4SWS vermittelte einem Studentenkreis von 25 Studenten plus zwei Erasmusstudenten die Grundlagen der A&O-Psychologie. Jeder Teilnehmer musste zwei Referate halten, zweimal an einer Übungs/Diskussionseinheit mitarbeiten und am Ende dann eine „Zettelarbeit“ = Klausur schreiben. Das alles klang zu Beginn enorm viel und unschaffbar – wer allerding einen Basisschein in A&O machen will, ist sehr gut beraten. Man bekommt wirklich alles wichtige mit, die insgesamt vier Aufgaben, die man während des Semesters erledigen muss, erledigen sich fast von alleine, da sie immer in Gruppenarbeit stattfinden (die Gruppen sind von den Veranstaltungsleitern vorher festgelegt) und die Klausur ist einfach.
Vorlesung Wirtschaftspsychologie I. Diese Vorlesung wird von Prof. Kirchler gehalten, der die Inhalte seines Lehrbuches vermittelt. Ich habe ursprünglich vorgehabt, hier die Klausur zu schreiben und damit meinen Basisschein zu erlangen, mich dann jedoch umentschieden, da der Stoff hier enorm viel war. Ich habe dennoch die Vorlesung besucht, weil ich sie gut fand, die Prüfung dann aber nicht mehr mitgeschrieben, weil mir diese Leistung in Bremen gar nichts gebracht hätte.
Anwendungsfelder der Sozialpsychologie: Kulturpsychologie. Diese Veranstaltung war sehr anspruchsvoll, da alle zwei Wochen Texte von recht schwierigen Autoren gelesen werden mussten und in den Seminarterminen dann auf sehr hohem Niveau darüber diskutiert wurde. Vermutlich waren viele der Teilnehmer schon in höheren Semestern oder vielleicht aus der Philosophie oder Geschichte stammend. Dennoch habe ich das Seminar gern gemacht, da ich eine Seminararbeit schreiben musste, dessen Thema ich frei wählen durfte, was zu den diktierten Inhalten der anderen Veranstaltungen einen schönen Kontrast bot. Außerdem hab ich gelernt, wissenschaftliche Texte nicht einfach durchzulesen, sondern verschiedene Lesarten auszuprobieren, um dahinter zu kommen, was denn die Autoren meinen könnten. Das ist wichtig und geht manchmal bei der schlichten Beschäftigung mit Lehrbuchtexten verloren. Und obwohl ich bei den Diskussionen fast nie mitdiskustieren konnte, weil der Schwierigkeitsgrad einfach zu hoch war, habe ich für meine Leistungen (Seminararbeit und Kurzreferat) eine gute Note bekommen.
Angewandte Kinder- und Jugenpsychologie: Gesprächsführung. Dieses Seminar sei wirklich allen ans Herz gelegt. Als Basis-NET in Pädagogischer Psychologie vorgesehen besuchte ich dieses Seminar als eine von zwei Erasmusstudenten. In diesem Seminar bei einem sehr engagierten Dozenten (Martin Felinger), der viel eigenes Praxiswissen vermittelte, lernte ich unglaublich viel über die psychologische Gesprächsführung. In einem Referat, das sehr viel Spaß gemacht hat, weil wir viele praktische Übungen und Beispiele einbringen durften, der aktiven Mitarbeit und einer Videoaufzeichnung eines authentischen psychologischen Gespräches inklusive Transskript bestand die Leistung. Nicht grade wenig, aber da sich das Gespräch, das es aufzuzeichnen galt auch um eine Gruppenarbeit handelte, hatte man es als Erasmusstudent einfacher, mitzumachen. Im Rückblick war es diese Veranstaltung, die mir am meisten Spaß gemacht hat.
Erasmusbetreuung
An der Uni Wien gibt es drei wichtige Instanzen, die die Erasmusstudenten betreuen: Das Mobilitätsbüro, das sich um die formalen Angelegenheiten der Austauschstudenten aller Fächer kümmert, die Studienprogrammsleitung Psychologie (SPL), die den Erasmusbeauftragten des Studiengangs stellt, und schließlich das Erasmus Student Network (ESN), das es in vielen europäischen Städten gibt und das sich in kulturellen und freizeitbezogenen Angelegenheiten um die Studenten aller Fächer kümmert und zahlreiche Partys organisiert.
Das Mobilitätsbüro hat sein Büro im Hauptgebäude der Uni (durch den Haupteingang hinein und dann nach rechts wenden). Dort geht man hin, wenn man in Wien eingetroffen ist, um alles an Rahmenorganisation zu erledigen (Unterzeichnung des Certificate of Erasmus Grant, des Learning Agreements – nachdem man die Veranstaltungen korrigiert hat und den Erasmusbeauftragten unterzeichnen lassen hat…). Die wichtigsten Dinge werden einem dort gesagt und man bekommt einiges an Infomaterial. Das Mobilitätsbüro organisiert auch mehrere „Orientation-Veranstaltungen“, auf denen man seine Immatrikulationsbescheinigungen, Studentenausweise und Informationen über wichtige Online-Portale der Uni bekommt. Wenn man das erste mal zum Mobilitätsbüro geht (am besten gleich am Tag (nach) der Ankunft), bekommt man auch einen Termin, an dem man zur Orienation gehen soll.
Die Studienprogrammsleitung Psychologie kümmert sich um die Psychologie-Erasmusstudenten (die fast alle aus deutschsprachigen Ländern kamen, ihr werdet also keine Einzelfälle sein). Auch die Studienprogrammsleitung organisiert eine Infoveranstaltung, die bei uns allerdings viel zu spät stattfand, nämlich mitten in der ersten Uniwoche. Zu spät deshalb, weil auf der Infoveranstaltung eine Bescheinigung ausgegeben wurde, mit der wir den Dozenten beweisen konnten, dass wir Erasmusstudenten sind und damit sie uns dann in ihre Anmeldelisten aufnehmen konnten. Wir hätten diese Bescheinigungen eigentlich schon drei Tage früher gebraucht, die Dozenten waren allerdings alle so nett, uns einfach so einzutragen; Bescheinigungen wollte niemand sehen. Weiter werden auf der Infoveranstaltung wichtige Personen des Studiengangs vorgestellt, unter anderen der Dekan und der Erasmusbeauftragte. An diesen muss man sich auch zur Unterschrift des Learning Agreements wenden. Das sollte man möglichst früh machen; Bei mir war es etwas chaotisch, und zwar folgendermaßen: Nachdem ich alle Veranstaltungen „zusammen hatte“ und in Bremen die Anerkennungsfragen geklärt hatte, bin ich zwei Wochen vor der Bremer Abgabefrist (also eigentlich früh genug) zuerst ins Mobilitätsbüro gegangen (denn zu Beginn des Semesters hatten die dort das Agreement einer Kommilitonin auch unterzeichnet, bevor der Erasmusbeauftragte das gemacht hat, und dabei was jenes Agreement sogar noch unkorrigiert). Meines wollten sie jedenfalls nicht unterschreiben und verwiesen mich dann an den Erasmusbeauftragten. Der hatte seine Sprechzeit erst ein paar Tage später, und zwar keine gesonderte Erasmussprechstunde, sondern eine Sprechstunde für ALLE Studenen, weshalb die Schlange vor seinem Büro recht lang war. Er unterschrieb mir das Agreement und ich fragte ihn etwas ungehalten, warum die Unterschreiberreihenfolge so unklar war. Er wusste auch nicht recht, was er antworten solle und bot mir an, das Agreement nach Bremen zu faxen. Ich musste ihm NOCHMAL erklären, dass die Leute vom Mobilitätsbüro noch unterschreiben müssten. Dann sagte er mir, er könne das Agreement ans Mobilitätsbüro weiterleiten, wenn ich es einfach bei ihm ließe. Ich habs aber lieber persönlich mitgenommen, weil ich mir nicht sicher war, ob dann das Agreement jemals in Bremen angekommen wäre. Ich bin dann also zum Mobilitätsbüro gegangen, aber leider hatte es ständig zu, weil gerade der großartige „International Day“ organisiert worden war. Ich finde es etwas unpassend in einer Phase, in der vermutlich viele Erasmusstudenten kommen, um Unterschriften abzuholen, das Büro einfach zu schließen. Kurz vor Abgabefristende habe ich dann dort jemanden angetroffen, diese Person gebeten, das Agreement zu unterschreiben (Ich glaube, sie wusste gar nicht, was das war) und nach Bremen zum International Office zu faxen – aus Sicherheitsgründen. Die Person meinte, das ginge, verschwand in einem Raum, kam nach 15 Minuten zurück und meinte, sie wisse nicht, ob sie das faxen darf. Ich sagte ihr dann, sie solle das einfach machen, schicken würde ich es mit der Post sowieso, das Fax sei nur gut, damit das Agreement pünktlich ankommt. Dann hat sie es gefaxt. Und mir sogar noch eine Kopie gemacht. Anschließend hab ich sofort meinen vorbereiteten Umschlag genommen, das Agreement reingesteckt, den Umschlag einem Postbeamten gegeben, der gerade dabei war, den Briefkasten zu leeren – und gebetet, dass alles geklappt hat. Und es hat!
Die dritte wichtige Organisation ist das Erasmus Student Network. Das ist eine Vereinigung von den lokalen Ex-Erasmen, die vielfältige Veranstaltungen organisieren und Ausflüge, Städtereisen und anderes anbieten. Das ist eine super Sache und ich denke, dass ich die meisten Leute kennengelernt habe durch die ESN-Aktivitäten. Unbedingt mitmachen! Das ESN bietet auch ein Buddyprogramm an. Ich habe mir also im Vorfeld meines Aufenthaltes bereits einen Buddy zuteilen lassen können. Nach zwei hin- und hergesandten Mails war aber dann Funkstille, weil mein Buddy viele Prüfungen und Umzüge und so weiter zu tun hatte. Sehr schade.
Unterkunft
Ich habe in Kapitel 2 bereits angedeutet, dass die Wohnsituation in Wien zumindest in meinem Fall nicht gerade vorteilhaft war. Ich skizziere einfach kurz, wie meine Wohngeschichte verlaufen ist.
Noch daheim habe ich mich im Internet informiert, wie man am besten wohnen kann und habe mich dann für die Lösung Studentenwohnheim entschieden. Erstens, weil ich davon ausgegangen war, dass man in Studentenheimen schnell Kontakte zu anderen Studierenden bekommt und zweitens, weil man dann im Vorhinein schon die Sicherheit hat, nicht obdachlos zu sein.
Ich habe dann über den ÖAD ein Zimmer gesucht. Warum ich das gemacht habe, weiß ich nicht genau. Ich denke, weil es eine Empfehlung der Uni war. Jedenfalls habe ich gar nicht richtig wahrgenommen, dass es auch andere Möglichkeiten gegeben hätte, Wohnheimzimmer zu bekommen. Auf der Internetseite des ÖAD gibt es eine lange Liste von Wohnheimen, aus der man dann sechs Favoriten auswählen kann, die man ins Reservierungsformular einträgt, nach Rängen geordnet. Gemäß meiner Kriterien (Einzelzimmer mit Internetanschluss, maximaler Preis 300,- EUR, mit WC und Dusche, entweder in WG oder mit Gemeinschaftsküche, möglichst mit Features wie Fitnessräumen, Saunen etc.) wählte ich sechs Heime aus, füllte dann das Reservierungsformular aus – bis ich an das Eingabefeld für die Wohnheime kam. Dort musste man dann pro Rangplatz aus einer Liste das Wohnheim auswählen, das man auf den ersten, zweiten, … Rangplatz legen wollte. Das Wohnheim, das ich für Rangplatz drei vorgesehen hatte, stand nicht zur Verfügung und so ließ ich alle anderen einfach einen Platz nach oben rücken und belegte den sechsten Rangplatz mit meiner urpsrünglichen Siebt-Wahl (Ein Wohnheim mit Einzelzimmer mit Dusche und WC, Internet, Gemeinschaftsküchen UND Sauna und Fitnessraum für unter 300,- EUR. Das klang ok, die Lage war nicht sonderlich gut, aber da ich dieses Heim auf den Letzt-Wunsch gelegt hatte, rechnete ich sowieso nicht damit, das zu bekommen).
Ich schickte das Reservierungsformular online ab und musste dann auch sofort die Reservierungskaution von 550,- EUR überweisen (Die man, falls man keinen Heimplatz abbekommt oder eben nach Auszug, refundiert bekommt). Und da war das nächste Problem: Die internationalen Überweisungsdaten waren nicht korrekt. Das Onlinebankingprogramm konnte die IBAN nicht zuordnen. Ich fragte per Mal beim ÖAD nach und bat darum, mir doch bitte die korrekten Daten zu schicken und bekam als Antwort eine Mail, in der exakt die gleichen Daten standen. Nochmal versucht, nochmal gescheitert, zur Bank gegangen. Dort hat es erst auch nicht geklappt, aber die Bankangestellte sagte, sie würde die Daten an die Zentrale weiterleiten, damit man dort den Sitz der Bank im Zielland ermitteln könne… Jedenfalls rief ich die Dame dann einen Tag später an und sagte, die Überweisung habe nun doch geklappt, die Daten seien wirklich nicht ganz korrekt gewesen. Und wiederum einige Zeit später erreichte mich dann eine Bestätigungsmail über den Eingang des Geldes beim ÖAD. Soweit so gut.
Nach einigen Wochen kam dann die Nachricht, dass sich der ÖAD freue, „mir mitteilen zu können, in folgenden Wohnheimen“ untergebracht zu sein. WohnheimE? Ja. Ich sollte zwei Wochen lang in einem Einzelzimmer in einer WG mit Dusche, WC und Küche im Wohnungsverband für 360,- EUR (also 180,- EUR für die beiden Wochen) wohnen und dann umziehen in… genau! Meinen Alternativwunsch, den ich nachträglich in meine Wunschliste aufgenommen hatte. Eine niederschmetternde Nachricht.
In Wien stellte sich dann das erste Heim, das „ÖAD-Gästehaus Simmering“ als ein neues, schickes und komfortables Wohnheim heraus, in dem zweimal in der Woche die Zimmer vom Reinigungspersonal geputzt wurden und das beinahe direkte U-Bahn-Anbindung hatte. Das gefiel mir wirklich gut. Die Einrichtung war neu und die Bewohner setzten sich ausschließlich aus ausländlischen Studenten zusammen. Manko: Empfängt man Besuch, ist man verpflichtet, diesen anzumelden und pro Nacht 10,- EUR zu bezahlen. Dafür bekommt man aber auch ein Gästebett. Insgesamt also waren diese zwei Wochen ganz nett. Das Wohnheim ist zwar teuer und dafür ein bisschen dezentral, aber die Anbindung an die City ist super. Es gibt in ganz Wien noch mehrere weitere ÖAD-Gästehäuser. Ein weiteres, das ich kennengelernt habe, weil eine Kommilitonin von mir dort wohnte ist das ÖAD-Gästehaus Molkereistraße. Auch dieses ist sehr gut angebunden und zu empfehlen, dafür etwas teuer.
Dann kam am ersten Oktober der Umzug. Das Heim, in das ich ziehen sollte, das „Studentenzentrum Donaufeld“, gehört nicht dem ÖAD, sondern ist ein anderweitig verwaltetes Heim, in dem der ÖAD lediglich einige Zimmer angemietet hatte. Und ich war absolut schockiert, wie weit abgelegen und schlecht angebunden dieses Heim liegt. Bis zur Uni und zur City muss man ungefähr 45 Minuten Fahrzeit einplanen, falls man länger auf die Straßenbahn warten muss, und das kam häufiger vor. Das Heim lag in Transdanubien, also auf der – von der City aus – anderen Seite der Donau. Das Heim an sich war soweit in Ordnung. Es gibt 4 Gebäude, das erste davon, direkt an der Straße gelegen, ist von innen am schönsten, dort ist auch das Büro der Heimleitung, die Heimbar und die Briefkästen. Und vermutlich fühlen sich die Bewohner des ersten Gebäudes auch am wohlsten. Jedenfalls ist das der StudiVZ-Gruppe des Studentenzentrums Donaufeld zu entnehmen. Mein Zimmer war leider im letzten Gebäude (die 4 Gebäude stehen hintereinander von der Straße weg „landeinwärts“). Viel gibt es dazu nicht zu sagen. Die Bewohner meines Stockwerkes waren äußerst unkommunikativ, ließen ihre Gemeinschaftsküche verkommen und stellten den gesamten Flur voll mit Wäscheständern mit Babywäsche und Kinderwagen. Dementsprechend wurden auch nicht selten die ruhigen Stunden durch Kindergeschrei erhellt.
Kurz gesagt: Die Kombination aus nicht selbstverschuldeter Isolation, schlechter Lage und unappetitlicher Küche machte die Zeit in diesem Wohnheim furchtbar. Da ich jeden Kontakt mit der Küche vermied, aß ich fast nur noch Mikrowellenessen (das ging schnell und konnte einfach im eigenen Zimmer verzehrt werden), und das recht selten, was sich auf meine Gesundheit auswirkte. Der tolle Fitnessraum war nur gegen eine Semestergebühr zugänglich, die ich dem Wohnheim aber aus Frust nicht gönnte. Eine Woche hielt ich es dort aus, dann war das Maß voll. Ich kümmerte mich intensiv darum, aus diesem Zimmer ausziehen zu können. Der ÖAD teilte mir mit, dass das entweder durch einen Wohnheimtausch möglich sei (sie stellten mir aber kaum Erfolg in Aussicht) oder, dass ich ausziehen könne, wenn ich einen Nachmieter stellte (dann zwar einen Teil meiner Reservierungskaution zurück bekäme, aber die monatlichen Verwaltungskosten von 15,- EUR für die Gesamtdauer meiner Reservierung, also bis Ende Februar dennoch zahlen müsste, was mir aber die Sache wirklich Wert war). Ich fand relativ schnell eine Nachmieterin, die ein Auto hatte und der deswegen die schlechte Lage nicht so viel ausmachte. Wir gingen gemeinsam zum ÖAD-Büro, unterzeichneten Wechselverträge und ich war das Zimmer zum ersten November los. Ich hatte also zwei Wochen Zeit, eine neue Bleibe zu finden. Ich dachte, dass das einfach werden würde, unterschätze allerdings die Tatsache, dass im Oktober halb Europa ein Zimmer in Wien zu suchen scheint. Nach unzähligen Zimmerbesichtigungen und Absagen, die daraus resultierten, dass ich ein Zimmer für nur drei Monate, also bis Ende Januar suchte (in meiner Verzweiflung hatte ich beschlossen, meinen Erasmusaufenthalt nach den Univeranstaltungen schon Ende Januar statt Ende Februar zu beenden – Förderung hätte ich für den Februar sowieso nicht bekommen, in dem ich ein Praktikum machen wollte. Den Platz hatte ich bereits sicher, sagte ihn aber wieder ab), fand ich dann mit einer unglaublich großen Portion Glück und Resilienz ein kleines, aber charmantes Zimmer mit Hochbett in einer dreier-WG mit zwei südtiroler Mitbewohnerinnen im sechzehnten Wiener Gemeindebezirk „Ottakring“, von dem aus der Weg zur Uni kurz war und die Miete gering, die in Bar der Vermierterin vorbeigebracht werden musste. Ich war also Abgeschiedenheit, Isolation, Bürokratie und hohe Kosten los und konnte beginnen, meine Zeit in Wien zu genießen.
Rückblickend finde ich es sehr schade, dass ich etwa drei Wochen meines Aufenthaltes wirklich nicht genießen konnte, sondern sogar mit dem Gedanken gespielt habe, das Semester abzubrechen. Und alles deswegen, weil ein abgelegenes Wohnheim eben mehr bedeutet, als nur längere Fahrzeiten. Deswegen mein Anliegen: Sucht wirklich früh nach einer Bleibe, und versucht ein Zimmer zu finden, das möglichst zentral liegt und euren Vorstellungen entspricht. Ihr seid nur eine begrenzte Zeit dort und die solltet ihr genießen können. Und Zufriedenheit mit der Wohnsituation gehört nunmal dazu.
Verkehr
Das öffentliche Nahverkersnetz in Wien ist super. Es gibt U-Bahnen, S-Bahnen, Straßenbahnen und Busse, Nachts werden die wichtigsten Linien von Nachtbussen befahren, die halbstündig abfahren. Es gibt fünf U-Bahn-Linien, deren Verlauf man schnell kennt, wenn man ein bisschen in der Stadt unterwegs ist.
Ich empfehle allerdings, mit den Straßenbahnen zu fahren. Denn so sieht man vieles von der Stadt, das man verpassen würde, wenn man immer nur unterirdisch unterwegs ist. Außerdem fahren auf vielen Linien noch die „alten“ Straßenbahnen, nicht alle sind durch Niederflurfahrzeuge ersetzt. Das ist manchmal schön urig, mit denen zu fahren. Ich kenne jemanden, der während seines Erasmusaufenthaltes alle Straßenbahnlinien in voller Länge abgefahren ist und sich damit eins der größten Straßenbahnnetze der Welt erschlossen hat. Das klingt vielleicht nicht sonderlich spannend, aber man erschließt sich so auch die Stadt ein Stück weit und kann wirklich sagen, fast überall mal gewesen zu sein.
Es gibt für Studenten ein Semesterticket. Das ist gültig für das Semester, also nicht für die Semesterferien und kostet für die ausländischen Studenten etwa 130,- EUR, während österreichische Studenten nur 50,- EUR bezahlen. Ein bisschen ungerecht. Jedenfalls lohnt sich dieses Ticket, weil man stets mit den Öffis unterwegs ist. Das Ticket gilt auch auf den Nachtlinien und überhaupt für den gesamten Bereich Wien 100. Was der alles einschließt, lässt sich im Internet nachlesen.
Ich darf mich noch zu einer der Glücklichen schätzen, die in den Genuss der Ringbahn gekommen sind. Wien hat nämlich den sogenannten Ring, eine vierspurige Einbahnstraße, die rings um die Innenstadt führt. Früher stand dort die Stadtmauer, später wurde die Straße ausgebaut, und zwar so breit, dass drei Panzer nebeneinander her fahren können. Und bis Mitte Oktober gab es zwei Straßenbahnlinien, die 1 und die 2, die komplett den Ring befuhren. Wenn man wollte, konnte man sich in die Bahn setzen und einfach solange fahren wie man wollte, eine Endstation gab es nicht. Das schöne dabei war, dass viele Wiener Sehenswürdigkeiten am Ring zu sehen sind. Nun ist die Ringbahn leider abgeschafft und stattdessen fahren die 1 und die 2 nur noch ein Stück auf dem Ring und fahren irgendwo von außerhalb hinein und wieder hinaus.
Desweiteres sei auch auf die Möglichkeiten hingewiesen, außerhalb Wiens zu reisen. Es gibt für Jugendliche unter 26 Jahren die sogenannte Vorteilscard für ca. 20,- EUR, die die gleiche Wirkung hat wie die Bahncard 50 in Deutschland. Das bedeutet, dass auf den Normalpreis der ÖBB (Bahngesellschaft)- Fahrkarten fünfzig Prozent Rabatt gegeben wird. Eine tolle Sache, die einem nicht nur zugute kommt, wenn man andere Österreichische Städte besuchen will, sondern auch günstig ist, wenn man beispielsweise nach Ungarn reisen will. Ich bin häufig nach Budapest gefahren. Dafür gibt es einen fixen Sparpreis von 19,- EUR pro Fahrt, der allerdings mit einer Zugbindung verbunden ist. Mit der Vorteilscard kostet diese Strecke ohne Zugbindung jedoch auch nur etwas mehr als zwanzig Euro. Man sieht also, dass man in Österreich sehr günstig auch außerhalb Wiens vieles entdecken kann.
Die Stadt
Wien als Stadt für einen Erasmusaufenthalt auszuwählen, ist eine tolle Wahl. Zuerst mag man denken, dass das Quatsch sei, weil man ja seine Sprachkenntnisse kaum weiterentwickeln kann. Und doch, man kann. Erstens ist man mit vielen ausländischen Studenten dort zusammen, mit denen man oft Englisch spricht, oder auch andere Sprachen. Ich hatte das Glück, meine Schwedischkenntnisse durch die Bekanntschaft mit einer Schwedisch verbessern zu können. Zweitens hat man nur als deutscher Muttersprachler die Möglichkeit, die vielen Österreichischen Dialekte kennen und hören zu lernen. Das ist eine Sache, die besonders dann Spaß macht, wenn man sich für Sprachen interessiert. Es sei nur gesagt, dass das Wienerische und der Wiener Schmäh, den man anfangs kennenlernt, bei weitem nicht das einzige ist, das an Dialekten in Österreich gesprochen wird. Und: Wenn man z.B. österreichische Nachrichtensprecher im Fernsehen sieht, dann sollte man wissen, dass sich diese Personen darum bemühen, Hochdeutsch zu sprechen. Es sei also jedem Erasmusstudenten geboten, in die Vielfalt der Dialekte hineinzuhören, „wenn es sich ausgeht“.
Wien hat aber noch weit mehr als Dialekte zu bieten. Ich werde hier ein paar Tippe geben, ndie außerhalb der Pflichtsehenswürdigkeiten, die im Reiseführer genannt sind, existieren.
Eine große touristische Einnahmequelle dürfte die kaiserliche und auch die österreich-ungarische Vergangenheit sein, die mit einem intensiven Sisi-Kult aufwartet. Ich will nicht viel vorwegnehmen, denn diesbezüglich gibt jeder Reiseführer genug Tipps; Man sollte sich jedoch auch ein bisschen für die Randaspekte der habsburgerischen Ära interessieren. So empfehle ich einen Besuch in Budapest. Denn vieles, was im Sisi-Museum und in der Hofburg gezeigt und erzählt wird, kann in Budapest wiederentdeckt werden.
Nach Schönbrunn sollte man am ehesten in wärmeren Monaten oder im Schnee gehen. Wahrscheinlich ist die Touristendichte im September höher, aber man kann auch einen Sonnentag im Winter abpassen – ganz sicher wird dann das Erlebnis Schönbrunn schöner in Erinnerung bleiben, als wenn man an einem grauen Regentag das Schloss und seinen Garten besucht.
Als Ausflusziel kann ich Klosterneuburg empfehlen. Nicht weit von Wien entfernt und vom S-Bahnhof Spittelau in 15 Minuten zu erreichen liegt der kleinere Ort etwas nördlich von Wien an der Donau. Es gibt dort ein Kloster, durch das Führungen angeboten werden. Das ist recht interessant. Außerdem ist die Führung durch die Kaiserappartments des Klosterkomplexes zu empfehlen. Dort gibt es ein paar Informationen zur Kaiserzeit, die man im Sisimuseum nicht unbedingt erhält.
Wenn das Wetter sonnig und nicht zu kalt ist, dann sollte man eine Wanderung unternehmen, zum Beispiel auf den Leopoldsberg. Der Weg nach oben führt über für Üngeübte recht anstrengende Serpentinen. Jedoch wird man dann mit einem tollen Blick über Wien belohnt. Man kann alternativ allerdings auch mit einem Bus auf den Leopoldsberg fahren und dann durch die Weinberge hinunterwandern.
Gut und nicht zu teuer essen kann man im „Bieradies“ am Judenplatz. Neben sehr leckeren Biersorten gibt es hier bodenständige Küche. Für Hungrige sei die Hausplatte für zwei Personen empfohlen, die mit reichlich Gemüse und Beiliagen und insgesamt 10 (!) Fleischstücken in ordentlicher Größe auffährt, jedoch nur etwa 25,- EUR kostet.
In der Weihnachtsszeit ist die ganze Stadt voll von verschiedensten Weihnachtsmärkten. Der erste, den man entdecken wird, ist wahrscheinlich der große Markt für vor allem Touristen vor dem Rathaus. Zu empfehlen ist aber unter anderen der Weihnachtsmarkt am Spittelberg, da er etwas uriger und originaler wirkt.
Im November findet die Lange Nacht der Museen statt. Für einen Einheitspreis (11,- EUR 2008) sind von 18h bis 1h alle Museen der Stadt (und das sind eine Menge!) geöffnet, man kann mit speziell eingesetzten Bussen die Museumsrouten abfahren – und wird eine Menge Dinge sehen, sie man sich außerhalb einer solchen Veranstaltung vielleicht nicht ansehen würde, wie das Bestattungsmuseum und das Uhrenmuseum.
Ein letzter Tipp soll das Burgtheater sein. Die meisten Theater Wiens und auch die Staatsoper und die Volksoper bietet das Burgtheater für alle Vorstellungen ermäßigte Tickets für Studenten an. So kann man unter Umständen für den Preis einer Kinokarte in die Oper oder ins Theater gehen. Das Burgtheater fand ich gebäudebezogen sehr sehenswert. Man kann für 2,- EUR (Studentenpreis) an einer einstündigen Führung teilnehmen, die sehr spannend ist und einen an Orte des Theaters bringt, an die man ansonsten nicht gelangen kann – zum Beispiel auf die Bühne (wenn nicht gerade geprobt wird).
Was ansonsten noch zu sagen ist: Erkundet! Man sollte neben den Sightseeingtouren, den Museumsbesuchen und den Aktivitäten des ESN auch einfach mal mit Stadtplan und Unternehmungslust durch die Stadt gehen und schauen, was man so findet. Und zwar ist dabei nicht nur die Innenstadt mit ihren vielen Kaffeehäusern sehenswert, sondern auch abgelegenere Bezirke, vor allem, wenn sie den Wäldern und Hügeln nahe sind, sind sehr schön und sehenswert.
Und natürlich ist das Nachtleben nicht zu vergessen. Für Kneipengänger sei auf das Bermudadreieck verwiesen, das am Schwedenplatz zu finden ist.
Insgesamt gesehen habe ich die Stadt Wien als eine Stadt erlebt, die eine große Geschichte hat, ganzjährig von Touristen bevölkert ist, Kultur und Natur gleichermaßen bietet, nicht ganz billig ist, einerseits vielen pelztragenden Luxusladys und andererseits ihre Behinderungen zur Schau stellenden Bettlern ein Zuhause bietet.
Gegen Ende des Aufenthaltes
Als sich mein Aufenthalt dem Ende zuneigte gab es zwei größere Dinge die zu erledigen waren: erstens die Prüfungen, und zweitens die Formalitäten, die zu klären waren.
Für die beiden Klausuren, die ich zu schreiben hatte, und die beide Ende Januar stattfanden, habe ich Anfang Januar begonnen zu lernen. Der Stoff für die Prüfung in Klininische Psychologie I scheint sehr viel, ist aber doch gut zu bewältigen. Alle anderen Leistungen, Referate und Seminararbeiten hatte ich bereits vor Weihnachten erledigt. Zu den Prüfungen ist zu sagen, dass dazu eine Amneldung bei „APIS“ notwendig ist. Das ist ein Online-Portal, das vermutlich mit PABO vergleichbar ist. Als Erasmusstudent kann man darauf allerdings nicht zugreifen. Uunabhängig von allen Informationen die man bekommt (Beispielweise hat uns ein Dozent gesagt, als Erasmusstudent müsse man sich einfach in die Prüfung setzen, man dürfe dann schon mitschreiben), muss man für jede Prüfung eine Anmeldung bei APIS veranlassen. In den Seminaren übernehmen das die entsprechenden Dozenten, für die Vorlesungsklausuren geht man da zum Erasmusbeauftragten. Weil das bei uns alles etwas unklar wirkte, hatte ich bei einer Tutorin der Vorlesung gefragt, wie wir uns anmelden sollen und sie riet mir, eine Bestätigungsmail des Erasmusbeauftragten über die vorgenommene APIS-Anmeldung auszudrucken und zur Klausur mitzubringen. Alles hat dann auch alles ohne Probleme geklappt.
An Formalitäten sind auch einige Kleinigkeiten zu klären. Erstens ist es ratsam, sich für alle Veranstaltungen, an denen man teilgenommen hat, eine Bestätigung vom Dozenten unterzeichnen zu lassen, in der die Veranstaltungsinhalte und die eigenen Leistungen inhaltlich und formal verzeichnet sind. Das erleichtert dann später in Bremen die Anerkennung der Leistungen. Diese Bestätigungen können weitgehend formlos sein, können von euch selbst formuliert sein, sollten aber an den zuständigen Dozenten in Bremen adressiert sein. Manche Dozenten schreiben auch selbst so ein Formular für euch, wenn ihr nachfragt.
Andere Formalitäten Erasmus betreffend sind erst einmal nicht zu beachten. Wichtig ist natürlich, dass ihr ein Transscript of Records bekommt, allerdings wird das angeblich automatisch zugesandt, gemeinsam mit dem Sammelzeugnis (einer Übersicht über die Semesterleistungen, die jeder Student der Uni Wien am Semesterende bekommt). Ganz wichtig ist dabei, dass ihr auf dem univis-Portal eure Postadresse aktuell haltet. Am sichersten ist dabei die Adresse eures deutschen Hauptwohnsitzes oder die Elternadresse. Was univis ist, muss ich jetzt noch nicht erklären, Zugriff erhaltet ihr erst mit euren Semesterunterlagen, die ihr in Wien bekommt.
Was die Abmeldung des Österreichischen Wohnsitzes betrifft, muss kaum Aufwand betrieben werden, es reicht eine E-Mail ans Magistrat 35 (dorthin, wo ihr eure Anmeldebescheinigung erhalten habt), in der ihr mitteilt, dass ihr eure Niederlassung in Wien beendet.
Nach der Rückkehr
Nachdem ich Wien am 31.1.2009 verlassen habe, bin ich nicht direkt nach Deutschland zurückgefahren, sondern bin nach Budapest gereist, da mein Freund dort lebt. Ursprünglich wollte ich den Februar noch in Wien verbringen und dort ein Praktikum absolvieren, die anfänglich unglückliche Wohnsituation brachte mich jedoch dazu, die Zusage, die ich für den Praktikumsplatz bereits hatte, zurückzuweisen, da ich beschlossen hatte, direkt am letzten Januartag nach Hause zu reisen. Da ich dann schlussendlich doch Gefallen daran hatte, „im Ausland“ zu sein, allerdings in Wien für den Februar keine Wohnung hatte, zog ich für einen Monat noch nach Budapest. Dort habe ich ein klein wenig Urlaub gemacht, in erster Linie jedoch den ersten Teil des vorliegenden Erasmusberichtes verfasst, Lücken, die ich in bestimmten Studienfächern zu haben glaubte, gefüllt und einiges an freiwilliger Fachliteratur gelesen, sowie meine Sprachkenntnisse verbessert. Insofern war mir dieser zusätzliche Monat noch sehr von Nutzen. Außerdem konnte ich so noch eine Stadt intensiv kennenlernen.
Nach meiner Abreise nach Deutschland am 28.2.2009 habe ich sogleich versucht, mich um die Anerkennung meiner Studienleistungen zu kümmern, was sich jedoch als schwierig erwies, da viele Dozenten eben nur recht spärlich Sprechzeiten anboten. Die Unterlagen lagen jedoch beinahe komplett bereit. Beinahe komplett deshalb, weil zu dem Zeitpunkt, an dem ich diese Worte hier schrieb, also am 17.3.2009, das Zeugnis der Wiener Uni, das mir als Transscript of Records dient, immer noch nicht bei mir eingetroffen war, obwohl man mir per offizieller E-Mail (die in der Form offenbar an die gesamte Erasmusstudentenschaft ging) versichert hatte, dass ich es ANFANG März bekommen sollte. Zu diesem Zeitpunkt warte ich also auf die Sprechstunde des DPA-Vorsitzenden und auf mein Transscript of Records.
Insofern ist der Erasmusbericht in diesem Punkt leider etwas unvollständig, was aber aus terminlichen Gründen nicht zu verhindern ist. Die Erfahrungen bisheriger Studenten zeugt jedoch davon, dass die Anerkennung von Studienleistungen im Ausland, und insbesondere von Leistungen, die in Wien erbracht worden sind, bisher keine Probleme gemacht haben, zumal alle Fachvertreter mir bereits im Vorhinein versichert haben, das meine ausgewählten Veranstaltungen anzuerkennen sind.
Fazit
Im Nachhinein kann ich sagen, dass mir das Erasmus-Auslandssemester viel an Erfahrung gebracht hat. Einerseits Erfahrungen auf der positiven Seite: Ich habe an einer großen, renommierten Universität studieren dürfen, ich habe eine interessante Stadt kennen lernen können, ich bin um einiges mobiler geworden und mein Fernweh wurde geweckt, ich habe viele internationale Kontakte knüpfen können und meine interkulturellen Kompetenzen ausbauen können. Selbst die Weiterentwicklung meiner Sprachkenntnisse ist nicht zu kurz gekommen. Allerdings habe ich auch negative Erfahrungen gemacht: Ich musste erfahren, wie sich Heimweh anfühlt und damit umgehen lernen, ich habe schwierige Probleme lösen müssen, indem ich Entscheidungen getroffen habe, die nicht immer der Vernunft, sondern dem Gefühl entsprachen, wodurch ich jedoch gelernt habe, dass es manchmal richtig ist, sich auf sein Gefühl zu verlassen; ich habe erfahren, dass das Studium an einer großen Massenuni keinesfalls angenehmer ist, als an einer kleineren Universität; ich habe aber auch erfahren, dass das Erasmusprogramm, so beliebt und bekannt es auch ist, international wenig Einheitlichkeit in der Organisation hat, und dass Erasmusstudenten vielerorts nicht gern gesehen sind, weil offenbar oft das Feiern wilder Partys wichtiger ist, als sich selbst als Gesandten der Heimatuni zu verstehen und diese zu vertreten.
Aus diesen Erfahrungen ergeben sich zentrale Dinge, die ich gelernt habe:
-
Ich habe die Universität Bremen und insbesondere unseren Studiengang Psychologie schätzen gelernt
-
Ich habe erfahren, dass es „zu Hause am schönsten“ ist, dass es aber genauso schön ist, für eine gewisse Dauer irgendwoanders ein Zuhause auf Zeit zu haben
-
Ich weiß, dass und wie ich in interkulturellen Kontakten zurechtkommen kann
Diese drei Punkte sind nicht alles, was ich mit nach Hause nehmen werde, aber sie erscheinen mir doch grundlegend, weil sie so in meinem bisherigen Erfahungschatz nicht existiert haben. Insofern hat das Erasmussemester zu meiner persönlichen Weiterentwicklung beigetragen
Auslandserfahrung finde ich wichtig. Und dass ich das einmal sagen werde, hätte ich mir noch vor einem Jahr nicht erträumen lassen. Allerdings sollte sich diese Erfahrung nicht auf die Erasmusromatik á la L’Auberge Espagnol beschränken, sondern eine reflektierte Haltung gegenüber dem eigenen Erfahungsschatz beinhalten. Ob nun diese Auslandserfahrung um ihrer Selbst willen meine Stellung auf dem Arbeitsmarkt einmal verbessern wird oder nicht – ich weiß für mich, dass ich persönlich sowie fachlich Kompetenzen gewonnen habe, die mir im weiteren Leben hilfreich sein werden.
Vor allem an all diejenigen Leser, die sich nicht sicher sind, ob sie auch „ins Ausland gehen“ sollen oder nicht, möchte ich noch ein paar Worte richten. Ich selbst war 2 Studienjahre fest davon überzeugt, niemals Auslandserfahrungen sammeln zu wollen. Diese Einstellung ergab sich daraus, dass viele Personen in meinem Umfeld, die im Rahmen von Erasmus oder auch anderen Programmen mal fern der Heimat gewesen sind, sich nach ihrer Rückkehr als etwas ganz Besonderes dargestellt haben. Ich war deshalb, auch aus einem Gewissen Antagonismus, überzeugt davon, dass ich keine Auslandserfahrung nötig habe. Zudem kommt, dass ich immer schon ein Heimwehkandidat war und mir das Kontakteknüpfen nicht leicht fällt und ich es mir daher nicht hätte vorstellen können, so lange allein unter Fremden zu sein. Trotzdem habe ich es gemacht. Es war auch nicht immer einfach. Oft genug habe ich mich in meiner ursprünglichen eingefahrenen Meinung und in meinen Ängsten bestätigt gesehen. Aber es ist eine wertvolle Erfahrung, zu sehen, dass man es DOCH kann und dass man DOCH alleine zurechtkommen kann. Ob man diese Erfahungen mit Erasmus machen sollte oder mit anderen Organisationen, ob man an einer österreichischen Univerität studieren sollte oder in Australien Bananen pflücken sollte – das muss jeder für sich wissen. Wer vorsichtig ist, so wie ich, versucht es vielleicht in Wien, hat die Nähe nach Hause sicher – und freut sich schon darauf, als nächstes etwas weniger vorsichtiges auszuprobieren und die frisch gemachten Erfahrungen einzupacken und die Welt kennen zu lernen.
1 Kommentar bis jetzt
Hinterlasse einen Kommentar
Ach ja, da kommen Erinnerungen hoch =)
naja, so lang ist’s ja eh nich her, aber durch den letzten stressigen Monat kommts mir so vor. Hast dir ja echt viel Arbeit gemacht, aber gefällt mir, weil du wirklich deine ganz persönlichen Erfahrungen aufgeschrieben hast.
Wie ist’s wieder an der Bremer Uni zu sein? Ich hab noch ne Woche frei, die ich auch ganz dringend brauche, bin gerade frisch eingezogen. Endlich wieder ankommen.
Du meldest dich doch, wennde ma wieder in meiner neuen Stadt bist?
Liebe Grüße!
Kommentar von Anna 5. April 2009 @ 11:54